Die zulässige Klage ist begründet. Der Bescheid vom 05.01.2006 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 28.09.2006 verletzt die Klägerin in ihren Rechten im Sinne von § 54
Abs. 2 Sozialgerichtsgesetz (
SGG), soweit dort das Vorliegen einer unbilligen Härte durch die Beklagte nicht geprüft worden ist. Der angefochtene Bescheid war insoweit abzuändern und die Beklagte zur Neuverbescheidung zu verurteilen.
Der Anspruch der Klägerin auf Ausbildungsgeld ergibt sich aus den
§§ 97 Abs. 1,
98 Abs. 1 Nr. 2 und Abs. 2,
102 Abs. 1 Nr. 1,
103 Satz 1 Nr. 2,
104 Sozialgesetzbuch, Drittes Buch (SGB III). Danach können behinderten Menschen Leistungen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben erbracht werden, die wegen Art oder Schwere der Behinderung erforderlich sind, um ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu bessern, herzustellen oder wiederherzustellen und ihre Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern. § 98
SGB III sieht die Gewährung allgemeiner (
Abs. 1
Nr. 1) sowie besonderer Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und diese ergänzende Leistungen (
Abs. 1
Nr. 2) vor. Besondere Leistungen werden nur erbracht, soweit nicht bereits durch die allgemeinen Leistungen eine Teilhabe am Arbeitsleben erreicht werden kann. Besondere Leistungen sind anstelle der allgemeinen Leistungen u.a. dann zu erbringen, wenn Art oder Schwere der Behinderung oder die Sicherung der Teilhabe am Arbeitsleben die Teilnahme an einer Maßnahme in einer besonderen Einrichtung für behinderte Menschen unerlässlich machen (§ 102
Abs. 1 Satz 1
Nr. 1a)
SGB III).
Die Klägerin hat für den Zeitraum ab 01.03.2006 während der Ausbildung am ICP dem Grunde nach einen Anspruch auf die besondere Leistung des Ausbildungsgeldes nach den §§ 104
ff. SGB III. Danach haben behinderte Menschen Anspruch auf Ausbildungsgeld während einer beruflichen Ausbildung oder berufsbereitenden Bildungsmaßnahme einschließlich einer Grundausbildung (
Nr. 1) und einer Maßnahme im Eingangsverfahren oder Berufsbildungsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen (
Nr. 2), wenn ein Übergangsgeld nicht erbracht werden kann (§ 104
Abs. 1
SGB III). Die Voraussetzungen liegen hier dem Grunde nach vor, da die Klägerin Anspruch auf Leistungen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben hat und ein Übergangsgeld nicht erbracht werden kann.
Für das Ausbildungsgeld gelten die Vorschriften über die Berufsausbildungsbeihilfe entsprechend, soweit nachfolgend nichts Abweichendes bestimmt ist (§ 104
Abs. 2
SGB III). Damit gelten hinsichtlich der Einkommensanrechnung grundsätzlich die Regelungen des § 71
SGB III. Für die Ermittlung des Einkommens und dessen Anrechnung sowie die Berücksichtigung von Freibeträgen gelten danach § 11
Abs. 4 sowie die Vorschriften des 4. Abschnitts des Bundesausbildungsförderungsgesetzes ( BAföG) mit den hierzu ergangenen Rechtsverordnungen entsprechend ( § 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III). Die Einkommensberechnung wird für das Ausbildungsgeld in § 108
SGB III geregelt. Danach darf auf den Bedarf bei Menschen in einer anerkannten Werkstatt für Behinderte Einkommen nicht angerechnet werden (§ 108
Abs. 1
SGB III), was vorliegend nicht einschlägig ist. Im Übrigen bleibt bei der Einkommensanrechnung das Einkommen der Eltern bis 2.615,00
EUR monatlich anrechnungsfrei (§ 108
Abs. 2
Nr. 2
SGB III). Für die Anrechnung des Einkommens der Eltern sind dabei die Einkommensverhältnisse im vorletzten Kalenderjahr vor Beginn des Bewilligungszeitraums maßgebend (§ 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III i.V.m. § 24
Abs. 1 BAföG). Hier haben die Eltern der Klägerin im Jahr 2004 laut Steuerbescheid vom 26.05.2006 Einkünfte von 25.819,00
EUR bzw. 22.101,00
EUR, insgesamt 47.920,00
EUR erzielt. Hiervon waren nach Abzug der Sozialpauschale (von 21,5%, § 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III i.V.m. § 21
Abs. 2
Nr. 1 BAföG) sowie der zu leistenden Steuern (§ 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III i.V.m. § 21
Abs. 1 Satz 3
Nr. 3 BAföG), wie die Beklagte zutreffend ermittelt hat, 32.569,22
EUR anzurechnen. Daraus errechnet sich zunächst ein monatliches Einkommen von 2.714,10
EUR.
Von dem ermittelten Betrag bleibt zur Vermeidung unbilliger Härten ein weiterer Teil des Einkommens anrechnungsfrei (§ 104
Abs. 2
i.V.m. § 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III i.V.m. § 25
Abs. 6 BAföG). Nach § 25
Abs. 6
BAföG kann zur Vermeidung unbilliger Härten auf besonderen Antrag, der vor dem Ende des Bewilligungszeitraums zu stellen ist, ein weiterer Teil des Einkommens der Eltern und des Ehegatten anrechnungsfrei bleiben. Dabei ist zu beachten, dass grundsätzlich die Bewilligung eines weiteren anrechnungsfreien Betrages im Ermessen der Beklagten steht (
vgl. § 3 Abs. 5 SGB III). Eine Überprüfung der Entscheidung kann daher nur dahingehend erfolgen, ob die Beklagte von ihrem Ermessen fehlerfreien Gebrauch gemacht hat. Eine Ermessensentscheidung der Behörde ist nach § 54
Abs. 2 Satz 2
SGG insbes. rechtswidrig bei Ermessensüber-/ unterschreitung oder Ermessensfehlgebrauch.
Hier liegt eine Ermessensunterschreitung vor. Die Beklagte hat nicht geprüft, ob zur Vermeidung unbilliger Härten ein weiterer Teil des Einkommens anrechnungsfrei bleibt (§ 104
Abs. 2
i.V.m. § 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III i.V.m. § 25
Abs. 6 BAföG). Zu den Anteilen des Einkommens, die wegen einer unbilligen Härte anrechnungsfrei bleiben, fallen insbesondere außergewöhnliche Belastungen nach den §§ 33 bis 33b des Einkommensteuergesetz (EStG) sowie Aufwendungen für behinderte Personen, denen der Einkommensbezieher nach dem bürgerlichen Recht unterhaltspflichtig ist (§ 25
Abs. 6 Satz 2 BAföG). Die Voraussetzungen der Prüfung einer unbilligen Härte liegen hier vor. Die Mutter der Klägerin hat dies in ihrem Widerspruch vom 24.01.2006 auch vor Ende des Bewilligungszeitraumes ausdrücklich beantragt.
Nach Auffassung der Kammer liegen auch außergewöhnliche Belastungen nach den §§ 33 bis 33b des EStG sowie Aufwendungen für behinderte Personen vor. Ausweislich des Einkommenssteuerbescheides vom 26.05.2006 wurden für die Klägerin selbst folgende Pauschbeträge anerkannt: 3700,00
EUR da die Klägerin behindert und hilflos im Sinne des § 33b
Abs. 6 EStG ist (§ 33b
Abs. 3 Satz 3 EStG) sowie 924,00
EUR nach § 33 b
Abs. 6 EStG, da die Klägerin nicht nur vorübergehend hilflos ist. Für die Klägerin wurde somit nach § 33b EStG insgesamt ein Pauschbetrag in Höhe von 4.624,00
EUR anerkannt. Hinzu kamen 570,00
EUR, die aufgrund der Behinderung des Bruders der Klägerin (Grad der Behinderung: 050) anerkannt wurden (§ 33b
Abs. 3 Satz 2 EStG). Ferner wurden außergewöhnliche Belastungen in Höhe von 3.885,00
EUR berücksichtigt. Erwachsen einem Steuerpflichtigen zwangsläufig größere Aufwendungen als der überwiegenden Mehrzahl der Steuerpflichtigen gleicher Einkommensverhältnisse, gleicher Vermögensverhältnisse und gleichen Familienstands (außergewöhnliche Belastung), so wird auf Antrag die Einkommenssteuer dadurch ermäßigt, dass der Teil der Aufwendungen, der die dem Steuerpflichtigen zumutbare Belastung (
Abs. 3) übersteigt, vom Gesamtbetrag der Einkünfte abgezogen wird (§ 33
Abs. 1 EStG). Dieser Überlastungsbetrag wurde hier mit 3.885,00
EUR im Jahr 2004 ermittelt.
Es liegen auch besondere Umstände vor, die es rechtfertigen, im Sinne einer Härtefallregelung weitere Einkommensbestandteile nicht anzurechnen. Dabei ist das bloße Vorliegen der außergewöhnlichen Belastungen nach den §§ 33 bis 33 b EStG nicht ausreichend, den Tatbestand der unbilligen Härte im Sinne von § 25
Abs. 6 Satz 1
BAföG zu erfüllen (
vgl. BVerwG, Urteil vom 17.07.1998, 5 C 14/97, Rn. 12;
Dr. Roos in SGb 2002,
S. 669). Es muss vielmehr neben der durch die Behinderung typischerweise bestehenden finanziellen Belastung ein atypischer Sachverhalt vorliegen, der es rechtfertigt, weitere Einkommensanteile nicht anzurechnen.
Dies ist hier der Fall: Dabei ist im Rahmen der Ermessensprüfung zunächst zu würdigen, dass für die Klägerin aufgrund des Nachteilsausgleichs "H" der erhöhte Pauschbetrag von 3.700,00
EUR sowie der Pauschbetrag in Höhe von 924,00
EUR berücksichtigt worden ist. Darüber hinaus ist bei der Ermessensprüfung insbesondere zu berücksichtigen, dass der Bruder der Klägerin, für den die Eltern unterhaltspflichtig sind, ebenfalls schwerbehindert ist. Der Bruder der Klägerin, für den aufgrund der Behinderung ein Pauschbetrag in Höhe von 570,00
EUR anerkannt wurde, befand sich bis Juli 2006 ebenfalls in Ausbildung. Die Eltern sind, wie die Mutter im Rahmen der mündlichen Verhandlung erklärt hat, auch nach Abschluss der Ausbildung ihren Unterhaltspflichten gegenüber dem Bruder nachgekommen, da dieser im Anschluss an die Ausbildung zunächst keinen Arbeitsplatz gefunden hat. Aus der Gesamtschau der Belastung für die Familie (zwei behinderte Kinder, davon eines schwerstbehindert und hilflos) stand für die Kammer fest, dass die tatbestandlichen Voraussetzungen für die Annahme eines Härtefalls im Sinne von § 25
Abs. 6
BAföG gegeben sind, da eine atypische Situation vorliegt, die über die durch die Behinderung der Auszubildenden bestehenden finanziellen Belastungen hinausgeht.
Die Anwendung des § 25
Abs. 6
BAföG ist auch nicht durch § 108
Abs. 2
Nr. 2
SGB III ausgeschlossen. § 108
Abs. 2
SGB III lehnt sich hinsichtlich der Freibeträge nicht an das
BAföG an, sondern trifft hierzu eigenständige Regelungen , die als lex spezialis auch den §§ 59 bis 56
SGB III über die Berufsausbildungsbeihilfe vorgehen (
vgl. Großmann in Hauck/Noftz,
SGB III, § 108 Rn. 11). Dieser Vorrang betrifft die in § 108
Abs. 2
SGB III genannten Freibeträge, hier der Freibetrag für die Eltern von 2. 615,00
EUR. Soweit in § 25
BAföG abweichende Freibeträge enthalten sind, kommen sie trotz der Verweisung in § 104
Abs. 2
i.V.m. § 71
Abs. 2 Satz 1
SGB III nicht zur Anwendung. Allerdings sind diejenigen Berechnungsvorschriften des BAföG, die in § 108
SGB III nicht geregelt sind, bei der Prüfung des Ausbildungsgeldes ergänzend zu berücksichtigen. Dies betrifft insbesondere die Härtefallklausel des § 25
Abs. 6 BAföG, die auch bei der Berechnung des Ausbildungsgeldes anzuwenden ist (ebenso: Großmann, a.a.O.§ 108 Rdn. 33; Lauterbach in Gagel
SGB III, § 108 Rdz. 6). § 108
Abs. 2
Nr. 2
SGB III trifft hierzu keine andere Regelung. § 108
SGB III ist mit Wirkung zum 01.01.1998 durch
Art. 1 Arbeitsförderungsreformgesetz (AFRG vom 24.03.1997 BGBl. I
S. 594) eingeführt worden und hat insbesondere § 27 der Anordnung des Verwaltungsrats der Bundesanstalt für Arbeit über die Arbeits- und Berufsförderung Behinderter (A-Reha) vom 31.07.1975 ersetzt. Nach § 27
Abs. 6 A-Reha kann von dem übersteigenden Einkommen bis zur Höhe von 500,00 DM monatlich abgewichen werden, "wenn dies zur Vermeidung unbilliger Härten gerechtfertigt ist".
Danach war in der Vorgängerregelung zu
§ 108 SGB III eine Härtefallregelung vorgesehen. § 108
SGB III sollte nach der Gesetzesbegründung zu
Art. 1 AFRG (Bundestagsdrucksache 13/4941,
S. 174) das geltende Recht (§ 27 A- Reha) unter Berücksichtigung des Gesetzesentwurfs der Bundesregierung für ein 18. BAföG-Änderungsgesetz übernehmen. Ferner sollte sich das Ausbildungsgeld grundsätzlich an der Berufsausbildungsbeihilfe orientieren, soweit nicht die Besonderheiten der Situation Behinderter abweichende Regelungen treffen ( Bundestagsdrucksache13/4941,
S. 174 zu § 104
Abs. 2
SGB III). Damit ist nachvollziehbar belegt, dass auch unter Geltung des § 108
SGB III die neu in § 25
Abs. 6
BAföG eingefügte Härtefallregelung zur Anwendung kommen soll. Da die Neureglung in § 108
SGB III die Vorgängerreglung in § 27 A-Reha übernehmen und den Besonderheiten der Situation Behinderter Rechnung tragen sollte, ist der gesetzgeberische Wille dahingehend auszulegen, dass § 25
Abs. 6
BAföG auch bei Berechnung des Ausbildungsgeldes nach § 104
ff. SGB III Anwendung finden sollte. § 108
Abs. 2
Nr. 2
SGB III stellt sich deshalb nur als Sonderregelung zu den Freibeträgen (§ 25
Abs. 1 bis 4 BAföG), nicht aber als Sonderregelung zu § 25
Abs. 6
BAföG dar. Die Härteklausel des § 25
Abs. 6
BAföG stellt somit einen allgemeinen Rechtsgrundsatz dar, der über die Freibeträge des § 108
Abs. 2
SGB III hinaus wirkt (
vgl. Grossmann a.a.O.;
Dr. Roos in SGb 2002
S. 667). Danach ist zur Vermeidung unbilliger Härten bei der Berechnung des Ausbildungsgeldes über die Freibeträge des § 108
Abs. 2
SGB III hinausgehend § 25
Abs. 6
BAföG heranzuziehen.
Da die Voraussetzungen der Härtefallregelung des § 25
Abs. 6
BAföG hier vorliegen und die Beklagte eine Prüfung nicht vorgenommen hat, lag ein Ermessensnichtgebrauch vor. Die Beklagte war somit zur Neuverbescheidung des Antrags der Klägerin unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts zu verurteilen.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193
SGG und berücksichtigt, dass die Klage vollen Erfolg hatte.
Streitig waren laufende Leistungen für mehr als ein Jahr (01.03.2006 bis zum Abschluss der Ausbildung am 24.07.2007), sodass die Berufung kraft Gesetzes zulässig ist (§ 144
Abs. 1 Satz 2
SGG).