Inhalt

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Wie bewältigen Menschen mit geistiger Behinderung ihre Entscheidung zum Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt?


Autor/in:

Friedrich, Jochen


Herausgeber/in:

Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e.V. (BAG UB)


Quelle:

impulse, 2006, Nummer 38 (Ausgabe 2), Seite 26-30, Hamburg: Eigenverlag, ISSN: 1434-2715


Jahr:

2006



Link(s):


Link zu dem Beitrag (HTML)
Link zur Downloadmöglichkeit bei der BAG UB (HTML)


Abstract:


Es werden die Ergebnisse einer qualitativen Studie zum Entscheidungsverhalten im Übergang von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorgestellt. Es wurde das theoretische Konzept der emotionalen Entscheidungsorientierung entwickelt. Autor Jochen Friedrich ist bei den Delme-Werkstätten gGmbH für den Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst für WfbM-Beschäftigte in den Landkreisen Diepholz und Oldenburg zuständig.

Landesweit wurden weit über 1000 Projektteilnehmer begleitet und dabei waren Entscheidungen trotz intensiver Beobachtung nur sehr begrenzt nachvollziehbar. Das Ziel der empirischen Studie war es, das Entscheidungsverhalten näher zu beleuchten.

Mit der gegenstandsbezogenen Theoriebildung, wurde ein Untersuchungsverfahren eingesetzt, das auf die Entwicklung neuer Theorien zielt, welche auf den gewonnenen Daten gründen. Verwendet wurden Daten aus 32 halboffenen Interviews.

Die Teilnahme an einem Qualifizierungs- und Vermittlungsangebot erlebten die Teilnehmer als Überraschung. Ein großes Interesse, die wirtschaftliche Situation zu verbessern, bestand bei allen Teilnehmer, wobei die Vergütung als diskriminierend empfunden wurde. Durchgehend positiv wurden hingegen die Arbeitsinhalte bewertet. Eher nebensächlich war die Weiterentwicklung bestehender und der Aufbau neuer sozialer Beziehungen im Zusammenhang mit der Entscheidung eines Wechsels auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Die Befragten erlebten die Teilnahme als einmalige Chance. Um Misserfolge zu vermeiden, passten sich die Teilnehmer an die betrieblichen Leistungsanforderungen an und sahen bei Überforderung Widerstand gegenüber Anforderungen kaum als Handlungsalternative. Anerkennung und Erfolg wurde nur für starke und anpassungsfähige Mitarbeiter erwartet.

Die Befragten sahen sich mehrheitlich als entscheidungsfähig. Nicht hinterfragt wurden entscheidungsrelevante Informationen, die durch professionelle Unterstützer strukturiert wurden. Dies führte dazu, dass die Wahlalternativen auf das Projektangebot begrenzt waren und eigene Wünsche nicht geäußert wurden. Der zeitliche Rahmen bei der Entscheidungsfindung schien des Weiteren einen großen Druck auf die Teilnehmer auszuüben, sodass weitreichende Entscheidungen nicht genügend überdacht werden konnten.

Bei der Theoriebildung wurden die vielfältigen Untersuchungsergebnisse in einen Strukturzusammenhang gebracht. Erwartet wurden Aussagen zu den Bedingungen, unter denen Entscheidungsprozesse abliefen, zu den Auswahlentscheidungen sowie den erlebten Konsequenzen.

Es konnten vier Kernkategorien herausgearbeitet werden. Beim Statusvergleich ging es den Projektteilnehmer vor allem um eine verallgemeinerte Statusnorm, was dazu führte, dass die Statuspassage einen sozialsymbolischen Charakter annahm. Orientiertheit und emotionale Sicherheit im Entscheidungsprozess hingen von der Aufarbeitung der biografischen Erfahrungen ab.

Interesse an sozialer Teilhabe ist durch die Entscheidungssituation eines Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ausgelöst worden, kanalisierte jedoch auch in eine bestimmte Richtung. Für die Befragten enthaltene Entscheidungen zunächst alternative Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen und Entscheidungen aufgrund angebbarer Kriterien zu vollziehen. Den Befragten war aus diesem Grund Entscheidungskompetenz zuzusprechen. Zwar wurden Ansprüche an selbstbestimmte Entscheidungen deutlich, nicht aber Maßstäbe, beispielsweise für einen Zugang zu wichtigen Informationen.

Basierend auf den vier Kernkategorien wurde das Konzept der emotionalen Entscheidungsorientierung entwickelt. Dieses drückt die Erkenntnis aus, dass angesichts der Attraktivität, der lebensweltlichen Tragweite und des prekären Charakters der Entscheidungssituation bei den Befragten eine herausragende Rolle von Emotionen zu beobachten war. Mit einer emotionalen Verhaltenssteuerung war die Tendenz, das Verhalten auf die Vermeidung von negativen Emotionen, verbunden. Deutlich wurde außerdem, dass die Entscheidungs-Unterstützungssysteme die Entscheider in ihrem widersprüchlichen emotionalen Orientierungsprozess erreichen und begleiten müssen.

Der Zugang von Entscheidungsbegleitern zum Orientierungsprozess gelingt nur mit einer dialogischen Herangehensweise, die den Menschen zum Zentrum der Überlegung macht. Nur durch eine lebensstilorientierte Entwicklungs- und Entscheidungsplanung eröffnet sich für die Betroffenen die Möglichkeit, eigene Träume zu entwickeln und ihre Ressourcen daraufhin zu mobilisieren.

Eine identitätsstärkende Arbeit an der individuellen Lebensgeschichte muss die berufliche Qualifizierung und Begleitung im Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt umfassen. Dieses Identitätsprojekt darf sich nicht nur auf die Statuspassage begrenzen, sondern muss sich zum bewussten Bestandteil einer zukünftigen Lebenslaufplanung entwickeln.

Berufliches Selbsterleben bedeutete für die Betroffenen oftmals sich stark anzupassen und damit einhergehend sozial abzuschotten. Diese Bewältigungsstrategie enthält subjektive Lösungsansätze angesichts einer überfordernden Entscheidungssituation.

Fachdienste, die für die Qualifizierung und Vermittlung von WfbM-Beschäftigten zuständig sind, haben eine Vielzahl von Aufgaben. So muss eine Entscheidungsbegleitung über den Bereich Arbeit hinaus auch lebensorientierende Funktion haben. Die berufliche Zielfindung in Übergangsprojekten setzt unter anderem eine Verarbeitung der Biografie sowie die Entwicklung einer sozialen Zukunftsvision voraus. Zudem sollten die Entscheidungsalternativen aus verschiedenen identitätsrelevanten Perspektiven beleuchtet werden. Ein Kompetenzdialog ist außerdem erforderlich, um Erwartungen, Einstellungen und Wertehaltungen dialogisch zu deuten. Hierbei sollte Entscheidungs- und Zeitdruck ausgeschlossen werden.

Zu beachten ist, dass das Phasenmodell nicht in ein Eingliederungsschema abgeleitet wird. Maßstab einer Entscheidungsbegleitung ist die Herausbildung der Kompetenz, eigene Orientierungsmaßstäbe und -phasen herauszubilden. Im Zusammenhang mit der Integration von Frauen mit Behinderung müssen diesen besondere Freiräume eingeräumt werden, in denen sie Selbstbewusstsein, Entscheidungs- und Kritikfähigkeit und ihre besonderen Ressourcen herausbilden können.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag / Forschungsergebnis / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


impulse - Fachmagazin
Downloadmöglichkeit bei der BAG UB unter:
Homepage: https://www.bag-ub.de/veroeffentlichung/typ/958

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0141/3381


Informationsstand: 09.10.2006

in Literatur blättern