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Bibliographische Angaben zur Publikation

Der chronische Rückenschmerz und seine Begutachtung

Teil 2



Autor/in:

Reck, R.


Herausgeber/in:

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV); Verband der privaten Krankenversicherung e.V. (PKV)


Quelle:

Versicherungsmedizin, 2006, 58. Jahrgang (Heft 1), Seite 14-18, Karlsruhe: Verlag Versicherungswirtschaft, ISSN: 0933-4548


Jahr:

2006



Abstract:


Der Autor berichtet zu Beginn über die Probleme bei der Begutachtung Schmerzkranker. Wesentliche Kriterien sind Reliabilität und Validität, welche sich der Begutachter vor Augen halten muss, bevor die Begutachtung eines Rückenschmerzpatienten erfolgen kann. Es stellt sich die Frage, wie reliabel die Ergebnisse körperlicher Untersuchungen von Patienten mit Schmerzen sind. Was die Validität betrifft, so sollte bei einem pathologischen Befund ein Zusammenhang mit dem Befinden nachweisbar sein. Das Befinden müsste umso beeinträchtigter sein, je ausgeprägter der Befund ist.

Medizinische Untersuchungsmethoden bei Rückenschmerzen sind weder reliabel noch valide. Bei der Begutachtung werden nach wie vor rein somatische Befunde in den Vordergrund gestellt. Dies betrifft vor allem Untersuchungstechniken, aber auch die Röntgendiagnostik. Es sollte in Frage gestellt werden, ob alle Patienten mit Kreuzschmerzen Veränderungen der Wirbelsäule haben und ob alle Menschen mit Veränderungen der Wirbelsäule Kreuzschmerzen haben.

Der einmal eingetretene Begutachtungsfall im Rahmen der Schmerzerkrankung ist meist das letzte biografische, soziale und medizinische Kapitel einer langen Krankengeschichte. Es widerspiegelt sich das ganze Elend der chronisch Schmerzkranken in verdichteter Form. Allein die Prozedur vom Antrag über ablehnende Bescheide und Urteile bis zur interdisziplinären und eventuell psychosomatischen Begutachtung dauert circa vier Jahre. Nicht selten ergeben sich allein daraus ursächliche Teilfaktoren für depressive Resignation und Hoffnungslosigkeit. Dem Endgutachter bleibt meist nur die Aussage, dass sich im Rahmen der Syndromprogredienz ein Syndrom des 'unbehandelbaren Schmerzes' entwickelt hat. Dann hat das Geschenk durch eine Rente nicht nur den subjektiven Charakter eines sekundären Krankheitsgewinnes.

Ist nicht nur die berufliche Leistungsfähigkeit erheblich gemindert, wie vom Gesetzgeber vorausgesetzt, sondern sind zusätzlich fast alle anderen Lebensqualitäten stark beeinträchtigt, so ist die Empfehlung zur Gewährung einer Rente gerechtfertigt. Rentenverfahren bei Schmerzpatienten werden häufig zum strittigen Fall, so dass dann letztendlich psychotherapeutisch/psychosomatische Gutachten erst durch die Gerichtsbarkeit, bevorzugt durch die zweite Instanz, in Auftrag gegeben werden.

Reck setzt sich anschließend mit den Fragen der Gerichte auseinander. Häufig befragt die Gerichtsbarkeit den Gutachter, ob sich zweifelsfrei ausschließen lasse, dass Störungen vorgetäuscht würden, im Sinne von Simulation oder Aggravation. Weitere unklare und verschwommene Fragen des Gerichtes sind häufig die, ob bei zumutbarer Willensanstrengung aus eigener Kraft und durch eigene Willensbeschlüsse, also ohne Therapie, die Störungen ganz oder teilweise überwunden werden können. Jedoch ist der 'Wille' eines Menschen ebenso wenig zu operationalisieren wie die Anstrengung des Individuums. Was 'zumutbar' erscheint, hängt von vielen sozialen und kulturellen Voraussetzungen ab und ist stetem Wandel unterworfen.

Ein weiteres Thema ist das chronifizierte Halswirbelsäulen-Trauma (HWS-Trauma) und seine Folgen. Reck zeigt hier beispielhaft eine weitere Problematik der Begutachtung auf. Da spezifische und objektivierbare klinische Befunde fehlen, ist die Diagnostik des HWS-Beschleunigungstraumas häufig erschwert, wobei Prädikatoren für einen verzögerten Verlauf beachtet werden müssen. Psychometrische Tests sind bei einer chronischen Schmerzerkrankung unverzichtbarer Bestandteil der Diagnostik, jedoch ist eine strukturierte biografische Anamnese einschließlich Sozialanamnese fast noch wesentlicher.

Äußerst schwierig ist die Begutachtung bei Patienten mit Fibromyalgie-Syndrom (FMS). Im Vordergrund stehen die so genannten Zusatzkriterien, die psychosomatischen Komorbiditäten. Deshalb sollte grundsätzlich die Begutachtung keinesfalls allein durch einen Orthopäden oder Rheumatologen erfolgen, sondern stets den Psychotherapeuten oder Psychosomatiker mit einbeziehen.

Häufig hängt auch vom Fachgebiet des konsultierten oder begutachtenden Arztes ab, welcher Diagnose bestimmte Symptome zugeordnet werden. Der Untersucher stellt bestimmte Symptome je nach eigenem Fachgebiet in den Vorder- und rückt andere in den Hintergrund.

Abschließend geht Reck auf die Konsequenz der Begutachtung ein. Der Wunsch nach Berentung ist leider das prognostisch negativste Kriterium für den Behandlungserfolg. Problematisch ist auch das Prinzip 'Reha vor Rente', da die Versicherten eventuell entgegengerichtete Motivationslagen haben, was einen Konflikt zwischen Entlastungs- und Gesundungsmotivation impliziert.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Teil 1 des Artikels | REHADAT-Literatur




Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Versicherungsmedizin
Homepage: https://www.vvw.de/index.php?parent=260&idcat=266&namesub=Ze...

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Referenznummer:

R/ZS0083/0033B


Informationsstand: 13.03.2006

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