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Bibliographische Angaben zur Publikation

So genannte komplexe Ich-Funktionen, psychischer Querschnittsbefund und Einschätzung des Leistungsvermögens in der Begutachtung psychogener Erkrankungen

Teil II



Autor/in:

Fabra, M.


Herausgeber/in:

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV); Verband der privaten Krankenversicherung e.V. (PKV)


Quelle:

Versicherungsmedizin, 2005, 57. Jahrgang (Heft 4), Seite 178-181, Karlsruhe: Verlag Versicherungswirtschaft, ISSN: 0933-4548


Jahr:

2005



Abstract:


Um die Schwere der Erkrankung und die dadurch hervorgerufene Leistungsminderung zu erkennen und sozialmedizinisch und versicherungsrechtlich zu bewerten sieht Dr. Matthias Fabra vom Medizinischen Gutachteninstitut in Hamburg die komplexen Ich-Funktionen als richtigen Ansatz.

'Der Wille ist nach einem tiefenpsychologischen Verstehenskonzept eine Ich-Funktion' so Fabra. Ein starker Wille zeigt demnach ein gesundes Ich an, ein eher beeinträchtigtes Ich hingegen entsteht dann, wenn eine Ich-strukturelle Störung vorliegt.

Als besonders wichtig für die Begutachtung sieht Fabra folgende Ich-Funktionen: Realitätsprüfung, Urteilskraft, Wirklichkeitssinn für die Welt und das Selbst, Regulierung und Kontrolle von Trieben, Affekten und Impulsen, Objektbeziehungen, Denkprozesse, adaptive Regression im Dienste des Ich, Abwehrfunktion, Reizschutz oder Reizbarriere, Autonomie, synthetisch-integrative Funktionen, Meisterschaft und Kompetenz. Er bezieht sich damit auf die zwölf von Bellak und Sheehy genannten Punkte.

Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) ermöglicht die Erfassung psychischer Befunde basierend auf ein tiefenpsychologisch/ psychoanalytisches Verstehensmodell. In der OPD stehen Ich-Funktionen auf der Achse IV (Struktur), werden aber auch auf den Achsen II (Beziehung) und III (Konflikt) abgebildet. Eine Aussage über sozialmedizinisch-versicherungsrechtliche Minderungen des Leistungsvermögens als Folge psychogener Erkrankung ist mit OPD nicht möglich, da dieses Modell lediglich diskriptiv ist.

Die Betrachtung der komplexen Ich-Funktion ist im therapeutischen und gutachterlichen Kontext ' Messlatte für die Schwere und damit die durch psychogene Symptombildung bedingte Leistungseinschränkung bei psychogenen Erkrankungen.' Die Krankheitsschwere und die Willensfähigkeit werden anhand der komplexen Ich-Funktionen als Realitätsprüfung und Urteilsbildung, Beziehungsfähigkeit und Kontaktgestaltung, Affektsteuerung und Impulskontrolle, Selbstwertregulation und Regressionsfähigkeit, Intentionalität und Antrieb und Abwehrorganisation beschrieben.

Anhand des folgenden Beispiels erläutert Fabra die Begutachtung unter Einbezug von komplexen Ich-Funktionen. In diesem Fall wurde ein Antrag auf Rente wegen vollständiger Erwerbsminderung aufgrund eines chronischen Rückenleidens gestellt. Der Antragsteller ist seit seinem 12. Lebensjahr heroinabhängig und zum Untersuchungszeitpunkt in ärztlicher Behandlung.

Seine letzte Anstellung liegt etwa fünf Jahre zurück, seitdem lebt er von Sozialhilfe und wohnt in einem Heim für Wohnungslose. Während der Untersuchung zeigt sich der Antragsteller wenig kooperativ, er tritt 'laut und unwirsch' auf und äußert sich negativ über Arbeitsamt und Sozialamt, die ihm seiner Meinung nach Leitungen verweigern. Er sieht sich selbst als hochbegabt und die Verantwortung für seine Situation nicht bei sich. Im Laufe der Untersuchung wirkt er mehrfach plötzlich erregt und ballt die Fäuste.

Im Vorhinein zu dieser Untersuchung war bereits ein Gutachten eines Gerichtssachverständigen angefertigt worden. Sowohl chirurgisch-orthopädisch als auch psychiatrisch-psychotherapeutisch lautete die Einschätzung auf 'vollschichtig erhaltenes Leistungsvermögen mit qualitativen Einschränkungen'.

Die Gutachten stimmen bis auf die Beeinträchtigung der komplexen Ich-Funktion überein. In diesem Punkt sieht das neue Gutachten die Beeinträchtigung der komplexen Ich-Funktion als derart gravierend, dass der Untersuchte für außerstande erachtet wurde, einen kritischen Außenstandpunkt gegenüber seiner von ihm selbst so empfundenen Leistungsfähigkeit einzunehmen.' Er wird daher als leistungsunfähig eingeschätzt.

Die Einschätzung der Leistungsfähigkeit wäre anders ausgefallen, hätte der Antragsteller sich in der Untersuchung dem Gutachter gegenüber anders verhalten hätte, dann nämlich hätte man ihm 'die noch ausreichende Willenskraft, seine Selbsteinschätzung, nicht mehr leistungsfähig zu sein, zu überwinden, zurechnen müssen', so Fabra.

Zur Bewertung von psychogenen Erkrankungen sind nach Fabras Meinung die komplexen Ich-Funktionen der richtige Ansatz. Komplexe Ich-Funktionen ermöglichen durch Standardisierung und Operationalisierung eine Gleichbehandlung der Versicherten und deswegen ist besonders auf die Darstellung innerhalb des psychischen Querschnittsbefundes zu achten.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Teil I des Beitrages | REHADAT-Literatur




Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Versicherungsmedizin
Homepage: https://www.vvw.de/index.php?parent=260&idcat=266&namesub=Ze...

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Referenznummer:

R/ZS0083/0032B


Informationsstand: 13.12.2005

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