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Bibliographische Angaben zur Publikation

Untersuchungen zur Rehabilitation von Kiefer-Gesichts-Versehrten unter besonderer Berücksichtigung psychosozialer Faktoren und der phonetischen Funktion

Abschlussbericht des Projektes B 1, Förderkennzeichen 01 GD 9510/0



Autor/in:

Reiber, Th.; Klapper, H.-U.; Thriemer, A. [u. a.]


Herausgeber/in:

Reha-Forschungsverbund Berlin-Brandenburg-Sachsen (BBS)


Quelle:

Leipzig: Eigenverlag, 2002, 52 Seiten


Jahr:

2002



Abstract:


Die Defekte bei Kiefer-Gesichts-Versehrten - vorrangig bedingt durch chirurgische Eingriffe im Rahmen einer komplexen Tumortherapie - führen zu gravierenden morphologischen Entstellungen, funktionellen Störungen (zum Beispiel Ästhetik, Mastikation, Phonetik) und psychischen Belastungen mit Auswirkungen auf die Kommunikations- und Arbeitsfähigkeit sowie auf die soziale und berufliche Integration (Bundgaard et al. 1993, Deutsche Krebshilfe 1985, Fayos et al. 1981, Siegrist et al. 1996, Strittmatter et al. 1995, Strittmatter 1997, Schwarzer 1994, Schwenke 1996).

Bei den tumor- und operationsbedingten Defekten handelt es sich um Verstümmelungen, die der Betroffene und sein Umfeld als gravierend empfinden. Eine durch seine Entstellung bedingte soziale Ausgrenzung und die darauf zurückzufü hrende Vereinsamung kann zur psychischen Labilität des Patienten führen beziehungsweise eine bereits vorhandene noch verstärken.

Die psychologischen und psychosozialen Beeinträchtigungen - der Betroffene wird sehr häufig als nicht mehr gesellschaftsfähig angesehen - führen in ihrem Zusammenwirken zu einer außerordentlich starken Beeinflussung der Lebensqualität des Patienten sowie zur Belastung von Lebens- und sozialem Umfeld. Hinzu kommt, dass eine einfache Kaschierung des Defektes, wie es in anderen Körperbereichen zum Beispiel durch ein Überdecken mit Kleidungsstücken, im Gesichtsbereich als dem Kommunikationsgebiet des Menschens nicht möglich ist.

Die Behandlung dieser Patientengruppe erstreckt sich über einen längeren Zeitraum von Monaten bis Jahren. Sie kann durch chirurgische Maßnahmen oder mit Hilfe alloplastischer prothetischer Therapiemittel, wie zum Beispiel Epithesen und Resektionsprothesen, erfolgen. Diese können die Belastungen für den Patienten mindern, aber den Organ- und Funktionsverlust nicht voll kompensieren (Gehre et al. 1977, Gehre u. Klinghammer 1993, Jüde 1980, Kapur et al. 1990, Laaß et al. 1992, Lamprecht 1995, Lehmann u. Schwenzer 1982, Mathog et al. 1997, Strub et al. 1994, Rasche 1990, Renk 1992, Renk 1993, Schwipper 1997, Ulrici et al. 1993, Van Doorne et al. 1994, Vogel et al. 1987).

Deshalb kommt im Rahmen der Gesamttherapie einer defektprothetischen Versorgung oder der chirurgischen Rekonstruktion eine besondere Bedeutung zu. Dabei stehen sich unterschiedliche chirurgische Rekonstruktionen beziehungsweise defektprothetische Maßnahmen teils ergänzend, zum Teil auch alternativ gegenüber.

Eine Entscheidung über die jeweilige Variante wird unter anderem vorgegeben durch Tumorlokalisation, Tumorgröße und Operabilität des Patienten. Dabei ist die Frage nach dem Gewinn in der Lebensqualität bislang nicht immer eindeutig zu beantworten. Es gibt aktuell ein verstärktes Bewusstsein dafür, dass eine Verlängerung der Überlebensdauer nach radikaler Tumorresektion ohne das Erreichen einer gewissen Lebensqualität nicht sinnvoll ist.

Die Defektversorgung stellt nur einen ersten Schritt zur Rehabilitation dar und muss durch eine rehabilitationsrelevante psychologische, logopädische und physiotherapeutische Betreuung ergänzt werden. Hinzu kommt, dass bei vielen Patienten körperlich und psychisch belastenden Zusatzbehandlungen, wie Strahlen- und/ oder Chemotherapie durchgeführt werden müssen (Lehmann 1996, Olson et al. 1978, Ono et al. 1988). Diese haben erhebliche Beeinträchtigungen zur Folge (zum Beispiel die Reduzierung des Speichelflusses oder ausgedehnte Entzündungen der Mundschleimhaut).

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Bewertungskriterien zu ermitteln, die es erlauben, zu verschiedenen Zeitpunkten der Gesamttherapie eine Einschätzung der Belastung von Patienten mit intra- und extraoralen Defekten vorzunehmen, aus denen sich u.a. Rehabilitationsbedarf, Betreuungsstrategien und Konzepte zur Krankheitsbewältigung ableiten lassen. Dieser Aspekt bei der Rehabilitation von Kiefer-Gesichts-Versehrten hat bisher nur ungenügende wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden.

In den Polikliniken für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde der Universitäten Leipzig und Dresden erfolgten die Patientenauswahl, anamnestische Erhebung, Ermittlung klinischer Befunde, die defektprothetische beziehungsweise epithetische Therapie sowie deren objektive Bewertung einschließlich der Erfassung bestehender funktioneller Beeinträchtigungen. Seitens der Phoniatrie wurde die sprachliche Kommunikationsfähigkeit beurteilt. Zur Psycho- und Sozialdiagnostik von Patienten unter Einbeziehung von Angehörigen wurden nach einem Begegnungsgespräch schwerpunktmäßig standardisierte psychometrische Testverfahren sowie strukturierte Leitfadeninterviews eingesetzt.

Die meisten Defekte im Kiefer-Gesichts-Bereich treffen den Patienten in zweifacher Hinsicht. Zum einen kommt es durch die Defekte naturgemäß zu funktionellen Beeinträchtigungen (zum Beispiel Kaufunktion, Phonetik), zum anderen führt die äußerliche Versehrung zu Belastungen im sozialen Bereich und im Selbstwerterleben. Durch die intensive Zusammenarbeit der am Projekt beteiligten Fachdisziplinen, bei Patienten mit Kiefer-Gesichts-Defekten, konnte schon frühzeitig mit der komplexen Rehabilitation begonnen werden.

Mit den von uns angefertigten Defektprothesen und Epithesen war es möglich, die gestörten Funktionen des orofazialen Systems sehr gut wiederherzustellen. Durch eine rehabilitationsrelevante psychologische und logopädische Betreuung wurden die Patienten möglichst umfassend auf die Wiedereingliederung in das soziale und berufliche Umfeld vorbereitet.

[Gemäß Einleitung]


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Rehabilitationswissenschaftlicher Verbund Berlin, Brandenburg und Sachsen
Charité-Universitätsmedizin Berlin
Homepage: https://bbs.charite.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV3661


Informationsstand: 27.03.2006

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