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Bibliographische Angaben zur Publikation

Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Leistung! Inklusion gemäß Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention: Visionen, Anspruch und Wirklichkeit

Vortrag auf dem Zwanzigsten Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 14. bis 16. März 2011 in Bochum



Sammelwerk / Reihe:

Nachhaltigkeit durch Vernetzung


Autor/in:

Krenz, Sandra; Walter, U.


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2011, Seite 291-293


Jahr:

2011



Abstract:


Hintergrund:

Am 26. März 2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft, die Deutschland zu einer auf Inklusion ausgerichteten Teilhabepolitik verpflichtet. Artikel 24 fordert alle allgemeinen Schulen auf, Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten. 2008 wurden bundesweit 482.415 SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf beschult (Förderquote: 6 Prozent). Die Integrationsquote betrug lediglich 18 Prozent (KMK, 2008). Diskutiert wird, wie schulische Inklusion ohne Diskriminierung und auf Grundlage von Chancengleichheit flächendeckend realisiert werden kann. Es gilt 'Heterogenität als Chance' (Walthes, 2009) zu erkennen, zu nutzen und die Schule für alle Kinder im Sinne der 'Pädagogik der Vielfalt' (Prengel, 2009) zu öffnen.

Methode:

Ziel der explorativen Studie ist es, zu ermitteln, inwieweit gesundheitsfördernde Schulen den Herausforderungen und Umsetzungsmöglichkeiten von Inklusion begegnen. Einbezogen wurden alle zwölf Grundschulen, die 2009 den Präventionspreis erhielten sowie vier Grundschulen des Modellprojekts 'Gesund Leben Lernen'. In leitfadengestützten Telefoninterviews wurden SchulleiterInnen und LehrerInnen (n gleich 16) im Herbst 2009 unter anderem zur UN-Behindertenrechtskonvention, zu eigenen Erfahrungen mit gemeinsamer Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung, zu hemmenden und fördernden Faktoren sowie zu einbezogenen Akteuren befragt (Dauer: mindestens 40, maximal 86 Minuten). Die Pretest-Ergebnisse (n gleich 3 Grundschulen) wurden aufgrund nur marginaler Veränderungen in die Hauptauswertung integriert. Die Auswertung des transkribierten Materials erfolgte durch kategorienbasierte strukturierende Inhaltsanalyse mittels MAXQDA. Die Erstellung des hierarchisch aufgebauten Kategoriensystems erfolgte sowohl deduktiv als auch induktiv.

Ausgewählte Ergebnisse:

In allen Schulen liegen Erfahrungen mit gemeinsamer Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung vor. 44 Prozent verfügen über ein Integrationskonzept. 69 Prozent arbeiten eng mit Förderschulen, 50 Prozent mit TherapeutInnen zusammen. Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernbehinderungen sowie Teilleistungsstörungen dominieren gegenüber Kindern mit anderen Beeinträchtigungen. Für 75 Prozent der Befragten ist die gemeinsame Beschulung dieser Kinder problemlos. 44 Prozent der Befragten kennen die UN-Behindertenrechtskonvention nicht, 75 Prozent können Inklusion nicht von Integration abgrenzen und definieren Behinderung unterschiedlich. 88 Prozent befürworten den Artikel 24; er setze Rahmenbedingungen (44 Prozent), stoppe den Selektionsprozess (19 Prozent) und ermutige die Einforderung von Inklusion in der Schule.

Die vollständige Umsetzung sehen 31 Prozent als schwierigen und langfristigen Prozess. Die Weiterbildung des Lehrpersonals, die Zusammenarbeit mit ärztlichem, sprach-, ergo-, physiotherapeutischem, psychologischem sowie pflegerischem Fachpersonal stellen die Befragten als besonders wichtig heraus. Als fördernde Faktoren für Inklusion werden eine vorurteilsfreie Einstellung (75 Prozent), Ressourcenorientierung (63 Prozent), eine gute Klassengemeinschaft (63 Prozent), die Kooperation mit Förderschulen (31 Prozent) und die vorhandene Doppelbesetzung in der Klasse (19 Prozent) genannt. Hemmende Faktoren sind unter anderem eine fehlende Kooperation mit Förderschulen, Therapeuten (63 Prozent) und weiterführenden Schulen (19 Prozent), die damit einhergehende Überforderung der GrundschullehrerInnen (63 Prozent) sowie unzureichende Barrierefreiheit und ungenügend qualifiziertes Personal (44 Prozent).

Ferner wird bei der Umsetzung einer Schule für alle auf mögliche negative Einstellungen von Eltern (63 Prozent), mangelnde Lehrerbereitschaft (56 Prozent), Nichtbeachtung von LehrerInnengesundheit (25 Prozent), zu große Klassen (25 Prozent), das leistungsorientierte System der weiterführenden Schulen (44 Prozent) sowie mangelnde finanzielle Ressourcen (75 Prozent) hingewiesen. Die Hälfte der Befragten sieht die Grenze von Inklusion bei Kindern mit starken Verhaltensauffälligkeiten oder Kindern mit schweren Körper- und Mehrfachbehinderungen. 69 Prozent der Befragten wünschen sich eine Entlastung bei einer umfassenden Einführung von Inklusion durch qualifizierte Lehr- beziehungsweise interdisziplinäre Fachkräfte.

Als Voraussetzungen zur Umsetzung von Inklusion werden genannt:
- Schulinterne Ebene: Schaffung personeller Voraussetzungen (75 Prozent), Etablierung von Gesundheits- und Inklusionsmanagement (50 Prozent), Verbesserung der Schulausstattung, Verringerung der Klassengröße (88 Prozent),
- schulexterne Ebene: Sensibilisierung und Aufklärung des Lehrpersonals (56 Prozent) und der Eltern (25 Prozent),
- politische Ebene: Verbesserung der allgemeinen Lehramtsausbildung mit Inhalten zur Inklusion und Sonderpädagogik (100 Prozent),
- Neustrukturierung des Schulsystems (44 Prozent), gesetzliche Verankerung von Inklusion (44 Prozent).

Alle gesundheitsfördernden Grundschulen sehen Prävention und Gesundheitsförderung bei Kindern unabhängig von Behinderung als notwendig an. Für die Befragten bedeutet dies bei Kindern mit Behinderung die Vermeidung von Exklusion (25 Prozent), Ressourcenorientierung (25 Prozent), Sozialkompetenz (25 Prozent) sowie Chancengleichheit (38 Prozent). Hilfsmittel und Therapien werden von der überwiegenden Mehrheit für Kinder mit Behinderung für die individuelle Entwicklung und als Lernunterstützung für notwendig erachtet.

Schlussfolgerungen und Ausblick:

Alle Befragten stehen der Inklusion offen gegenüber und berichten von positiven Erfahrungen. Die Unkenntnis der UN-Behindertenrechtskonvention und Definitionsproblematik von schulischer Inklusion verdeutlicht den erforderlichen Fortbildungsbedarf. Enge Kooperationen unter anderem mit FörderschullehrerInnen, PädagogInnen, TherapeutInnen unterschiedlicher Disziplinen und KinderkrankenpflegerInnen in der Klasse sind neben der gesetzlichen Verankerung von Inklusion auf Landesebene wichtige Rahmenbedingungen. Eine stärkere Vernetzung in der Praxis, eine ressortübergreifende Perspektive und eine Politik, die die Ressourcen von Interdisziplinarität und eine ganzheitliche Perspektive wertschätzt, kann Raum für Inklusion bieten.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '20. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Nachhaltigkeit durch Vernetzung'
UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Bereich Reha-Forschung > Reha-Kolloquium
Homepage: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/R...

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Referenznummer:

R/NV336651


Informationsstand: 29.03.2011

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