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Angaben zum Forschungsprojekt

Lebensverläufe und Lebensqualität aus Nutzerperspektive

Das 'Euregio-Projekt Hand in Hand' verfolgt das Kernziel, die Lebenssituation von Menschen mit herausforderndem und sozial auffälligem Verhalten zu verbessern. Ansatzpunkt ist die Weiterentwicklung der so genannten 'Konsulentenarbeit' zur Unterstützung der Mitarbeiter/innen in der Arbeit mit Menschen, die herausfordernde Verhaltensweisen (z. B. selbstverletzendes, destruktives oder fremdgefährdendes Verhalten) zeigen.
Der Begriff 'Konsulentenarbeit' wurde zuerst in den Niederlanden verwendet und bedeutet ins Deutsche übertragen 'Beratungsarbeit'. Die Konsulentenarbeit ist besonders dann angezeigt, wenn die institutionellen Bemühungen bezüglich festgefahrener, herausfordernder Verhaltensweisen von Menschen mit Behinderung erfolglos sind und stagnieren. Die Beratung wird durch externe institutionsunabhängige Berater mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund durchgeführt und von einem Organisationsteam für Konsulentenarbeit organisiert.
Durch deutsch-niederländische Kooperation in der Euregio Rhein-Waal sollen zudem Impulse für eine grenzüberschreitende Professionalisierung und gemeinsame Kompetenzerweiterung der Konsulentenarbeit gesetzt werden.

Projektpartner sind:
* Landschaftsverband Rheinland - D
* Heilpädagogische Heime (Bedburg-Hau, Bonn, Düren, Langenfeld, Viersen) - D
* Universität Dortmund - D
* Vizier - NL
* Centrum voor Consultatie en Expertise (CCE) in Eschede - NL
* CCE in Veldhoven - NL
* Radboud Universiteit Nijmegen - NL
* Rijksuniversiteit Groningen - NL

Im Mittelpunkt der bisherigen Projektarbeit standen zunächst die Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter/innen der Einrichtungen, in denen diese Personen leben, und deren Erfahrungsaustausch. Dieser Zugang über die Mitarbeiter/innen ist unverzichtbar, weil ihre Arbeitssituation, ihre Qualifikationen und Kompetenzen im Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen erheblichen Einfluss auf die Alltagswirklichkeit und -bewältigung der Bewohner/innen haben.

Projekt 'Lebensverläufe'
Im Rahmen des Projekts 'Lebensverläufe und Lebensqualität aus Nutzerperspektive - Biografieorientierte Zugänge zum Verstehen und Bewältigen herausfordernder Verhaltensweisen' finden nun verstärkt die subjektiven Wahrnehmungsmuster sowie Verarbeitungsstrategien der Menschen mit Behinderung selbst Berücksichtigung. Empirische Erfahrungen und fachliche Entwicklungen in den letzten Jahren haben deutlich gemacht, dass die Partizipation der Adressaten im gesamten Prozess der Hilfeplanung, des Unterstützungsarrangements und der Krisenintervention ein unverzichtbares Moment für den Erfolg der Hilfeleistungen und damit für die Ausweitung individueller Handlungs- und Erlebensdispositionen sind. Hierbei liefert insbesondere der Ansatz der Biografiearbeit bei Personen mit herausforderndem Verhalten einen wertvollen Zugang zum Beschreiben, Nachvollziehen, Verstehen und Interpretieren aktueller Handlungsstrategien und Erschwernisse in sozialen Interaktionssituationen. Die Analyse individueller Lebensverläufe, die häufig gekennzeichnet sind durch zahlreiche und meist langfristige Aufenthalte in Wohnheimen und/oder psychiatrischen Einrichtungen, die Berücksichtigung erfahrener Lebensräume und sozialer Bezüge steuert wichtige Aspekte zur Rekonstruktion der Nutzerperspektive bei.

Aufgaben und Ziele
Die Projektaufgaben sollen in folgenden drei Themenbereichen aufgearbeitet werden:
1. Systematisierung vorliegender Konzepte und Methoden zu 'Biografiearbeit'
2. Entwicklung einer Handreichung zur biografieorientierten Konsulentenarbeit und Praxistransfer
3. Strukturanalyse der vorliegenden Falldokumentationen und Empfehlungen

zu 1: Systematisierung vorliegender Konzepte und Methoden zu 'Biografiearbeit'
Die subjektiven Sichtweisen und Lebenserfahrungen der Adressaten pädagogischer und therapeutischer Bemühungen nehmen in der fachlichen Diskussion immer mehr an Bedeutung zu. Das Erfahren der Lebenswelt und die Reflexion des Gewordenseins einer Person werden als mögliche Schlüsselelemente zum Verstehen und Erklären von ( herausfordernden) Verhaltensweisen gesehen. Die Beschäftigung mit der Biografie stellt dabei den Versuch dar, den Menschen wieder in seine eigene Geschichte zu versetzen, d. h. Kompetenzen, lebensgeschichtlich wichtige Ereignisse und individuelle Bedürfnisse wahrzunehmen, die u.U. aufgrund jahrzehntelanger Unterbringung in Einrichtungen ohne individualisierte Hilfeangebote aus dem Blickfeld geraten sind.
Dabei ist die Zielbestimmung aller Unterstützungsleistungen die Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen. Hierbei geht es nicht nur um objektive Lebensbedingungen, sondern insbesondere um subjektives Wohlbefinden und individuelle Zufriedenheit. Wie Lebensqualität wahrgenommen und erfahren wird, resultiert aus der persönlichen Bewertung der Austauschprozesse mit der sozialen und materialen Umgebung. Objektive Lebensbedingungen ( Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen, soziale Kontakte, Gesundheit etc.) werden subjektiv unterschiedlich erfahren und hinsichtlich ihrer Bedeutung für die individuelle (vergangene, gegenwärtige, zukünftige) Lebensführung gewertet.
In der Fachliteratur werden die Begriffe 'Biografiearbeit', 'Rehistorisierung' und 'Lebensqualität' in unterschiedlichen Kontexten und Verwendungszusammenhängen diskutiert und in praktische Anwendungsbezüge gesetzt. Dabei sind die genannten Begriffe nicht als klare definitorische Abgrenzungen zu verstehen, sondern als komplexe, mehrdimensionale und offene Arbeitskonzepte. Diese äußern sich in verschiedenen generellen Ansätzen sowie methodischen Umsetzungen.
Vor diesem Hintergrund ist eine zentrale Aufgabe der wissenschaftlichen Expertise, die einschlägige Fachliteratur (einschließlich entwickelter Instrumentarien und Materialien) zu den Themenfeldern 'Biografiearbeit' und 'Rehistorisierung' zu sichten im Hinblick auf
* den relevanten Personenkreis (Menschen mit Behinderung, insbesondere mit herausforderndem und sozial auffälligem Verhalten) und
* den speziellen Handlungskontext (Arbeit in Einrichtungen, Konsulentenarbeit).

zu 2: Entwicklung einer Handreichung zur biografieorientierten Konsulentenarbeit und Praxistransfer
Die Ergebnisse der Literaturanalyse sollen in eine praxisnahe Handreichung für Mitarbeiter/innen in den beteiligten Einrichtungen bzw. für die Konsulentenarbeit einmünden. Diese Handreichung soll als Reflexionsfolie dienen, um lebensgeschichtliche Aspekte systematisch in die Beschreibung, Analyse und Dokumentation von Problemlagen und schwierigen Interaktionszusammenhängen einzubringen und für die Entwicklung von Bewältigungsstrategien nutzbar zu machen. Im Interesse einer möglichst hohen Akzeptanz des Instrumentariums auf Seiten der Mitarbeiter/innen und der größtmöglichen Praktikabilität im Arbeitsalltag soll diese Handreichung so aufbereitet werden, dass sie in die bestehenden Arbeitsprozesse und Dokumentationserfordernisse der Einrichtungen (wie Hilfeplanung, Qualitätssicherung, Entwicklungsberichte usw.) integriert werden kann.
Die Handreichung und die Möglichkeiten ihrer Anwendung sollen den Mitarbeiter/innen im Rahmen von Workshops vorgestellt werden, bei denen auch die wesentlichen Ergebnisse der Literaturanalyse praxisnah vermittelt werden sollen.

zu 3: Strukturanalyse der vorliegenden Falldokumentationen und Empfehlungen
Im Hinblick auf eine zielgerichtete Auswertung des umfänglichen Datenmaterials, welches im Projektverlauf bis Mitte 2006 zusammengetragen sein wird (voraussichtlich 40 Fälle, je 20 Fälle aus Einrichtungen in den Niederlanden und in Deutschland), sind die vorliegenden Falldokumentationen zu sichten und hinsichtlich ihres Informationsgehalts und ihrer Struktur zu analysieren. Ziel ist es dabei, einen Überblick über das Gesamtmaterial zu gewinnen und ein Kategoriensystem zur Analyse und Bewertung zu entwickeln. Leitfragen sind dabei:
* Welche Inhaltsbereiche, Dimensionen, Kategorien etc. sind im vorliegenden Datenmaterial enthalten?
* Berücksichtigen die Dokumentation die subjektiven Wahrnehmungen der Bewohner/innen mit herausforderndem Verhalten (Nutzerperspektive) in adäquater Weise?
* Welche (noch fehlenden) Inhaltsbereiche wären im Hinblick auf eine bessere Verstehbarkeit und Auswertbarkeit der Dokumentationen nützlich?

Als Ergebnis soll ein Strukturraster entstehen, welches einerseits zur weiteren bzw. ergänzenden Dokumentation bisheriger Fälle genutzt werden kann. Andererseits bietet das Raster eine Strukturierungsfolie für die sich anschließende inhaltsanalytische Auswertung des Datenmaterials und Bewertung der Projektergebnisse im Abschlussbericht.



Beginn:

01.11.2006


Abschluss:

31.01.2007


Art:

Gefördertes Projekt


Kostenträger:


Landschaftsverband Rheinland (LVR)



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO3288


Informationsstand: 03.09.2020