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Angaben zum Forschungsprojekt

Schwerhörigkeit im Alter

Schwerhörigkeit ist eine typische Belastung des höheren Erwachsenenalters. In der vorliegenden Untersuchung wurde vier Fragen nachgegangen. Erstens wurde die Zuverlässigkeit audiometrischer Verfahren analysiert. Zweitens wurde untersucht, wie ältere Menschen die Belastungen durch Schwerhörigkeit erleben. Drittens wurde gefragt, ob und wie es möglich ist, die aus der Schwerhörigkeit im Alter resultierenden Probleme zu bewältigen. Viertens ging es um die Frage, welche psychosozialen Konsequenzen die Nutzung von Hörgeräten hat.

An der über 21 Monate angelegten Längsschnittstudie nahmen normalhörende bis hochgradig schwerhörige Menschen im Alter von 51 bis 87 Jahren teil, wobei gering- bis mittelgradig schwerhörige Personen den Großteil der Stichprobe ausmachten. Die Zahl der Untersuchungspersonen betrug zum ersten Messzeitpunkt N=140, zum zweiten Meßzeitpunkt (nach sechs Monaten) N=130 und zum dritten Messzeitpunkt (nach 21 Monaten) N=92 Teilnehmer. Die Studienteilnehmer wurden drei Untersuchungsgruppen zugeordnet: Interventionsgruppe (Schwerhörige mit Hörgeräten; zur Ersterhebung n=42) sowie Vergleichsgruppe (Normalhörende, zur Ersterhebung n=28). Zum ersten Meßzeitpunkt wurden alle Studienteilnehmer hinsichtlich der Bereiche Hörfähigkeit, subjektive Kommunikationsbehinderung, soziale Integration, Wohlbefinden und kognitive Leistungsfähigkeit untersucht. Für jene schwerhörigen Personen, die Hörgeräte erhielten, lagen weitere Messungen der Hörfähigkeit vor, die von niedergelassenen HNO-Ärzten sowie von Hörgeräte-Akustikern erhoben worden waren. Die Studienteilnehmer führten 'Hörtagebuch' (maximal über einen Zeitraum von zwei Monaten), in dem sie Tagesstimmung, Tagesaktivitäten, Bewältigungsverhalten bei Hörproblemen sowie Informationen über die Hörgeräte festhielten. In der Zweit- und Dritterhebung wurden die Bereiche subjektive Kommunikationsbehinderung, soziale Integration, Wohlbefinden und kognitive Leistungsfähigkeit abermals erhoben. Auch das 'Hörtagebuch' wurde jeweils eine weitere Woche lang geführt. Die Ergebnisse der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

(a) Die Reliabilität tonaudiometrischer Messungen ist zufrieden stellend. Die Übereinstimmungsmaße der Messungen waren ausreichend, die Mittelwertunterschiede in den meisten Frequenzen gering und die Fehlerrate bei Klassifikationen akzeptabel. Die Reliabilität sprachaudiometrischer Messungen ist dagegen suboptimal ( insbesondere die Unbehaglichkeitsschwelle sowie der Prozentsatz richtig erkannter Einsilber unter Freifeldbedingungen). Da sprachaudiometrische Verfahren bei der Hörgeräteversorgung eine erhebliche Rolle spielen, erscheint ihre geringe Reliabilität problematisch.

(b) Schwerhörigkeit wird von den betroffenen älteren Menschen als Kommunikationsbehinderung empfunden, wobei sich keine Auswirkungen von Höreinbußen auf die soziale Integration altersschwerhöriger Menschen zeigen. Allerdings weisen hörbedingte Kommunikationsprobleme und Depressivität einen substantiellen Zusammenhang auf, und zwar auch dann, wenn relevante Kontrollvariablen statistisch kontrolliert werden. Die Depressivitätswerte einer Person sagen ihre subjektive Kommunikationsbehinderung nach sechs Monaten voraus (während dies umgekehrt nicht der Fall ist). Bei intensiver Hörgerätebenutzung verringert sich über 21 Monate sowohl die subjektive Kommunikationsbehinderung als auch die Depressivität. Diese Befundlage deutet an, dass sich Depressivität und hörbedingte Kommunikationsbehinderung gegenseitig verstärken.

(c) Invasives Kommunikationsverhalten bei Hör- und Verständnisproblemen wird von Situationsmerkmalen beeinflusst, während evasives Kommunikationsverhalten von der emotionalen Befindlichkeit der Person abhängt. Die Anwendung evasiver Kommunikationsstrategien zieht Unzufriedenheit mit dem Situationsausgang nach sich, während invasive Kommunikationsstrategien nicht mit der Bewertung der Bewältigungseffektivität zusammenhängen. Die Ausprägung assimilativer Bewältigungsdisposition hat keinen Einfluss auf die subjektive Kommunikationsbehinderung, während akkommodative Bewältigungstendenz den Zusammenhang zwischen Hörverlust und subjektiver Kommunikationsbehinderung verstärkt.

(d) Die Benutzung von Hörgeräten mildert erlebte Kommunikationsbehinderung und wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden schwerhöriger älterer Menschen aus. Es lassen sich Interventionseffekte von Hörgeräten über einen Zeitraum von 21 Monaten feststellen. Die subjektive Kommunikationsbehinderung jener schwerhörigen Personen, die mit Hörgeräten versorgt werden, vermindert sich - und zwar bereits nach 6 Monaten sowie den Gesamtzeitraum von 21 Monaten überdauernd. Zusätzlich finden sich positive Effekte der Hörgerätebenutzung hinsichtlich Affektbalance, Depressivität und psychosomatischer Symptome jener Personen, die ihre Geräte in hohem Maß benutzten. Diese Effekte stellen sich allerdings erst nach 21 Monaten ein. Keine Effekte der Hörgerätebenutzung finden sich in den Bereichen soziale Aktivität und kognitive Leistungsfähigkeit. Die Intention, die anzuschaffenden Geräte auch zu benutzen, ist der bedeutsamste Faktor zur Vorhersage der Hörgerätebenutzung.

Für die theoretische Analyse der (Alters)schwerhörigkeit und für praktische Interventionen ist es notwendig, den dyadischen Charakter lautsprachlicher Kommunikation zu berücksichtigen. Die erfolgreiche Bewältigung von Hör- und Verständnisproblemen ist nicht allein Angelegenheit des schwerhörigen Individuums, sondern erfordert auch die koordinierte Anstrengung der normalhörenden Kommunikationspartner.



Beginn:

01.01.1992


Abschluss:

31.12.1996


Art:

Gefördertes Projekt / Studie


Kostenträger:


Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)



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Abstract

Hearing loss in old age

Presbycusis is a high-frequency symmetric hearing loss in old age beginning gradually around the fifth decade and leading progressively and irreversibly to moderate to severe losses of hearing capacity in higher ages. Hearing impairment in old age is a chronic condition with high prevalence and shows negative correlations with communication, social integration, well-being and cognition. Hence, presbycusis is an important risk factor for the wellbeing of elderly people. Rehabilitation in the case of presbycusis often consists in fitting sound amplifying devices (hearing aids). In the present study, the psychological effects of hearing aid use were empirically tested.

A group of elderly individuals with mild to moderate hearing loss who received a hearing aid for the first time in their lives (aural rehabilitation group, n=70) and two age-matched control groups (hearing-impaired control group without hearing aids, n=42, approximately normal hearing control group, n=28) were tested longitudinally. There were three measurement points: Before fitting of hearing aids, 6 months later and 15 months later, resulting in a 21 month longitudinal study. Measures examined the performance in the domains of hearing handicap, social activities, satisfaction with social relationships, well-being and cognition. In addition, participants kept a standardized 'hearing diary'. In the diaries respondents rated positive and negative affect, described duration of selected social activities, and reported on hearing problems. Participants with hearing aids reported on hearing aid use, satisfaction and problems with the hearing aid.

Data analyses show that in older persons with mild to moderate presbycusis hearing aid use has positive effects on self-perceived hearing handicap. These positive effects could be observed already after 6 months of hearing aid use and remained stable at the third measurement point (21 months after delivery of hearing aids). Moreover, the extent of hearing aid use as measured via diaries proved to be relevant. Daily use of hearing aids was correlated with lower levels of depressive symptoms after 21 months. However, there was no effect of hearing aid use in the domains social activities, satisfaction with social relations, and cognitive functioning.

The results of the present study are consistent with other intervention studies in this area. Implications of the present study for practical interventions give rise to a tempered optimism: Hearing aid use is helpful in communication, although not all domains afflicted by presbycusis can be remedied. Since hearing aids are intended to enhance hearing capability and reduce hearing problems this result might be interpreted in terms of rehabilitation success.


Referenznummer:

R/FO2146


Informationsstand: 18.07.2011