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Angaben zum Urteil

Befristete Rente wegen voller Erwerbsminderung - krankheitsbedingte Kündigung wegen Leistungsunfähigkeit

Gericht:

VG Köln 26. Kammer


Aktenzeichen:

26 k 1877/07


Urteil vom:

03.04.2008



Tenor:

Die Klage wird abgewiesen.

Die Klägerin trägt die Kosten des Verfahrens, für das Gerichtskosten nicht erhoben werden, mit Ausnahme der außergerichtlichen Kosten der Beigeladenen, die diese selbst zu tragen hat.

Das Urteil ist hinsichtlich der Kosten vorläufig vollstreckbar. Der Klägerin wird nachgelassen, die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung in Höhe des beizutreibenden Betrages abzuwenden, wenn nicht der Beklagte zuvor Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Tatbestand:

Die am 00.00.0000 geborene Klägerin ist schwerbehindert mit einem Grad der Behinderung von 80 v.H. Sie ist verheiratet und hat 2 Kinder. Bei der Beigeladenen bzw. deren Rechtsvorgängerin war die Klägerin als Hausdame zuletzt in einem Hotel in Düsseldorf seit dem 1. Juli 2001 beschäftigt.

Mit Schreiben vom 8. März 2006 beantragte die Beigeladene die Zustimmung zur ordentlichen Kündigung der Klägerin zum 30. April 2006. Die Kündigung sei erforderlich, da der Arbeitsplatz der Klägerin anderweitig dauerhaft fest besetzt werden müsse. Die Klägerin sei dauerhaft erwerbsunfähig und werde gesundheitlich nicht mehr in der Lage sein, die sich bei der Beigeladenen bietenden Beschäftigungsmöglichkeiten auszuüben. Sie sei als Hausdame damit befasst gewesen, die Zimmermädchen täglich auf die Zimmer einzuteilen, die Zimmerreinigung zu überwachen und gelegentlich bei der Reinigung der Zimmer, der Flure, öffentlicher Bereiche und der Toiletten auszuhelfen. Ein anderer geeigneter Arbeitsplatz sei für die Klägerin bei der Beigeladenen nicht vorhanden. Die Klägerin sei seit dem 1. Mai 2005 bei der AOK ausgesteuert und beziehe seither Rente wegen voller Erwerbsminderung. Die ordentliche Kündigung werde daher auf den personenbedingten Grund der Leistungsunfähigkeit aufgrund vollständiger Erwerbsunfähigkeit gestützt.

Die Klägerin machte mit Schreiben vom 22. März 2006 geltend, dass sie bereits seit dem 1. April 1999 auf dem selben Arbeitsplatz beschäftigt sei. Sie sei seit September 2004 arbeitsunfähig erkrankt. Sie beziehe jetzt eine begrenzte Erwerbsunfähigkeitsrente befristet bis zum Oktober 2007. Danach könne und wolle sie weiterhin bei ihrer Arbeitgeberin tätig sein. Im Laufe des Verwaltungsverfahrens reichte die Klägerin u.a. den Rentenbescheid der LVA Rheinprovinz vom 4. Juli 2005 sowie einen Bescheid des Versorgungsamtes Köln vom 24. Mai 2005 zu den Akten. Aus dem Rentenbescheid ergab sich, dass die Klägerin ab dem 1. Mai 2005 eine Rente wegen voller Erwerbsminderung erhielt, die befristet war und mit Ablauf des 31. Oktober 2007 wegfalle, wobei darauf hingewiesen wurde, dass die Rente auch nur auf Antrag weiter gezahlt werden könne, wenn weiterhin eine Minderung der Erwerbsunfähigkeit vorliege. Ausweislich des Bescheides des Versorgungsamtes Köln vom 24. Mai 2005 beläuft sich der Grad der Behinderung der Klägerin auf 80 v.H. wegen empfindlicher rheumatischer Krankheit der Gelenke und der Wirbelsäule; Bauchfellverwachsungen mit Darmverschlusssymptomatik und Depressionen. Nach dem von der Klägerin im Verwaltungsverfahren vorgelegten Entlassungsbrief des Krankenhauses Porz am Rhein vom 21. Januar 2005 wurde die Klägerin am 22. Dezember 2004 bis zum 21. Januar 2005 wegen einer seronegativen rheumatoiden Arthritis behandelt.

Nach dem Entlassungsbericht der Rheumaklinik Aachen vom 18. Februar 2005 leidet die Klägerin seit ca. 11 Jahren an rheumatoider Arthritis, wobei nach ihren Angaben hinsichtlich ihres Beschwerdebildes bei der Aufnahme Schmerzen an Händen und Fingern mit Morgensteifigkeit der Hände von einer Stunde, Schmerzen der Schultern, der vorderen Toraxpatie, beider oberer Sprunggelenke, Mittelfüße und Vorfüße der linken Ferse im Vordergrund standen.

Hinsichtlich ihrer Arbeits- und Berufsanamnese gab die Klägerin u.a. an, zuletzt als Hausdame in einem Hotel im Sinne einer Objektleiterin einer Reinigungsfirma mit Überwachung von Zimmermädchen und Selbstbeteiligung an entsprechenden Arbeiten beschäftigt gewesen zu sein. Die Arbeit beinhalte wechselnde Körperhaltung mit häufigen Bücken, regelmäßigen Heben von bis zu 10 - 20 kg. Sie sei behindert bei allen Tätigkeiten. Die Wiederaufnahme einer Arbeit sei derzeit kaum vorstellbar. Hinsichtlich der arbeitsmedizinischen Einschätzung wurde seitens der Klinik zusammenfassend ausgeführt, dass die von der Klägerin ausgeübte Tätigkeit im Hinblick auf die multiplen schmerzhaften Funktionseinschränkungen nicht mehr als leidensgerecht betrachtet werden könne. Zumutbar seien zur Zeit lediglich leichte Tätigkeiten, zeitweise im Gehen, zeitweise im Stehen, überwiegend im Sitzen, Tages- sowie Früh- und Spätschicht. Wegefähigkeit sei derzeit nicht gegeben. Einschränkungen bestünden für sämtliche Tätigkeiten des Bewegungssystems, wie Gebrauchsfähigkeit der Hände, häufiges Klettern und Steigen, häufiges Heben, Tragen oder Bewegen von Lasten ohne mechanische Hilfsmittel, Tätigkeiten unter Zeitdruck, Einwirkung von Kälte und Nässe, Geh- und Standsicherheit, Zwangshaltungen. Das dargestellte Leistungsbild könne zur Zeit unter 3 Stunden am Tag ausgeübt werden.

Ein von der örtlichen Fürsorgestelle eingeholtes arbeitsmedizinisches Gutachten des TÜV vom 2. Mai 2006 kam zusammengefasst zu dem Ergebnis, dass eine langfristige Prognose zum weiteren Verlauf der Erkrankung bei der Klägerin auf Grund ihres Krankheitsbildes nicht getroffen werden könne. Die Klägerin sei trotz ihrer Erkrankung viele Jahre lang voll arbeitsfähig gewesen. Es sei durchaus möglich, dass die Krankheitsaktivität wieder auf ein geringeres Niveau falle. Letztlich wurde die arbeitsmedizinische Einschätzung abgegeben, dass befristete gesundheitliche Bedenken vorlägen und eine erneute arbeitsmedizinische Beurteilung nach Ablauf der befristeten Rente vorgenommen werden solle. Auf entsprechende Nachfrage der örtlichen Fürsorgestelle erklärte sich die Beigeladene mit Schreiben vom 20. Juni 2006 dazu bereit, das Verfahren bis zum Oktober 2007 ruhen zu lassen. Die Klägerin war demgegenüber mit einem Ruhen des Verfahrens nicht einverstanden und bat, in der Sache zu entscheiden.

Mit Bescheid vom 6. November 2006 erteilte der Beklagte die Zustimmung zur Kündigung nach § 85 des Sozialgesetzbuch - 9. Buch - (SGB IX). Zur Begründung wurde ausgeführt, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung davon auszugehen sei, dass die Klägerin die geschuldete Arbeitsleistung dauerhaft nicht mehr erbringen könne. Es lägen keinerlei objektive Tatsachen vor, die die Annahme rechtfertigen würden, dass die Klägerin in Zukunft wieder arbeitsfähig sein werde. Dies folge insbesondere aus dem Entlassungsbericht der Rheumaklinik Aachen vom 18. Februar 2005. Zumal die Klägerin eine befristete Rente wegen voller Erwerbsminderung erhalte und schließlich auch der arbeitsmedizinische Dienst beim TÜV sich nicht in der Lage gesehen habe, eine für die Klägerin günstige Prognose abzugeben. Die Klägerin habe selbst eine neue Begutachtung nach Ablauf der Befristung ihrer Erwerbsunfähigkeitsrente abgelehnt. Auf Grund der krankheitsbedingten Fehlzeiten sei zukünftig vollkommen ungewiss, ob sie jemals wieder ihre bisherige Erwerbstätigkeit ausüben könne. Vor diesem Hintergrund überwiege das Interesse der Beigeladenen an der Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Diese sei ihrer besonderen Fürsorgepflicht insoweit nachgekommen, als sie den Antrag auf Zustimmung zur Kündigung erst im März 2006 gestellt habe, obwohl die Klägerin bereits ab September 2004 arbeitsunfähig erkrankt sei.

Die Klägerin legte hiergegen Widerspruch ein.

Mit Bescheid vom 19. Dezember 2006 nahm der Beklagte seinen Bescheid vom 6. November 2006 zurück, da als Antragstellerin nicht die Beigeladene sondern irrtümlicherweise das Express Holiday Inn Hotel benannt worden sei. Die Entscheidung habe sich somit an den falschen Adressaten gerichtet. Dem Bescheid war der erneute Zustimmungsbescheid vom 18. Dezember 2006 beigefügt, der inhaltlich dem Bescheid vom 6. November 2006 entsprach.

Die Klägerin legte auch hiergegen Widerspruch ein.

Gegen die Kündigung vom 3. Januar 2007 hat die Klägerin Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht in Siegburg (5 Ca 322/ 07) eingelegt.

Mit Widerspruchsbescheid vom 19. April 2007 wies der Widerspruchsausschuss beim Integrationsamt des Beklagten den Widerspruch zurück. Bei der nach § 85 SGB IX zu treffenden Ermessensentscheidung sei zu Gunsten der Widerspruchsführerin berücksichtigt worden, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für sie im Hinblick auf ihre persönliche wirtschaftliche Situation und auf Grund der allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Lage sowie der Behinderung der Klägerin für diese mit schweren negativen Konsequenzen verbunden sei. Den berechtigten Interessen der Beigeladenen sei jedoch der Vorrang einzuräumen. Die Klägerin sei mindestens seit September 2004 arbeitsunfähig erkrankt und beziehe seit dem 1. Mai 2005 eine Rente wegen voller Erwerbsunfähigkeit.

Der Umstand, dass die Klägerin zum 1. Mai 2005 durch die Krankenkasse ausgesteuert worden sei, weise auf eine dauernde Erwerbsunfähigkeit hin. Spätestens ab diesem Zeitpunkt sei von einer negativen Prognose hinsichtlich der voraussichtlichen Dauer der Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Die Klägerin leide an diversen Gesundheitsstörungen, so das die bisherige Tätigkeit als Hausdame als nicht leidensgerecht angesehen werden könne. Anhaltspunkte für eine positive Entwicklung der Arbeitsfähigkeit seien nicht vorhanden und würden auch durch die Klägerin nicht vorgetragen. Sie habe lediglich allgemein mitgeteilt, dass sie nach Ablauf der Bewilligung der Erwerbsunfähigkeitsrente wieder bei der Beigeladenen arbeiten könne und wolle. Der Beigeladenen seien keine unbegrenzten Fehlzeiten zuzumuten, die zu erheblichen Störungen im Betriebsablauf führen würden. Eine befristete Besetzung der Stelle der Klägerin mit einer Ersatzkraft sei nach dem glaubhaften Vorbringen der Beigeladenen nunmehr nicht mehr möglich, da man diese Möglichkeit bereits während der Krankheit der Klägerin ausgeschöpft habe. Eine dauerhafte Freihaltung des Arbeitsplatzes bis zum Ende der Erwerbsminderungsrente und möglicherweise über diesen Zeitraum hinaus sei für die Beigeladene nicht zumutbar. Zu deren Gunsten sei außerdem gewertet worden, dass diese erst am 8. März 2006 den Antrag auf Zustimmung zur Kündigung gestellt habe, obwohl die Klägerin bereits seit dem 1. Mai 2005 bei der AOK ausgesteuert sei. Ein leidensgerechter Ersatzarbeitsplatz sei bei der Beigeladenen nicht ersichtlich.

Die Klägerin hat am 12 Mai 2007 Klage erhoben.

Durch Urteil vom 5. Juni 2007 hat das Arbeitsgericht Siegburg die Kündigungsschutzklage der Klägerin in dem Verfahren 5 Ca 322/07 abgewiesen. Diese Entscheidung ist rechtskräftig geworden.

Die Klägerin bezieht sich zur Begründung im Wesentlichen auf ihr Vorbringen aus dem Verwaltungsverfahren und macht insbesondere geltend, dass es eines erneuten Antrages der Beigeladenen nach Aufhebung des ursprünglichen Zustimmungsbescheides vom 6. November 2006 bedurft hätte. Der Antrag vom 8. März 2006 sei durch die Bescheiderteilung verbraucht gewesen, so dass der Beklagte nach Aufhebung seiner Entscheidung daran gehindert gewesen sei, gewissermaßen von Amts wegen erneut einen Zustimmungsbescheid zu erlassen.


Die Klägerin beantragt,

den Bescheid des Beklagten vom 18. Dezember 2006 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides des Widerspruchsausschusses beim Integrationsamt des Beklagten vom 19. April 2007 aufzuheben.


Der Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.

Die Beigeladene hat keinen Antrag gestellt.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte und des beigezogenen Verwaltungsvorganges Bezug genommen.

Fortsetzung/Langtext


Quelle:

Justizportal des Landes NRW


Referenznummer:

R/R4054


Weitere Informationen

Themen:
  • krankheitsbedingte Kündigung /
  • Kündigung /
  • Zustimmungsverfahren / Integrationsamt

Schlagworte:
  • Arbeitsunfähigkeit /
  • befristete Rente /
  • Erwerbsminderungsrente /
  • Fehlzeit /
  • Gesundheitsprognose /
  • Integrationsamt /
  • Kündigung /
  • Kündigungszustimmung /
  • ordentliche Kündigung /
  • Rente /
  • Urteil /
  • Verwaltungsgerichtsbarkeit /
  • volle Erwerbsminderung /
  • Zukunftsprognose /
  • Zustimmung /
  • Zustimmungsverfahren


Informationsstand: 11.11.2008

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