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Angaben zum Urteil

Erlass einer einstweiligen Verfügung - Beteiligungsrechte der Schwerbehindertenvertretung - Umsetzung in ein Projekt-Team - Unterrichtungspflicht

Gericht:

ArbG Berlin 58. Kammer


Aktenzeichen:

58 BVGa 2319/19


Urteil vom:

07.03.2019


Grundlage:

SGB IX § 178 Abs. 2 S. 1 / SGB IX § 165 S. 3



Tenor:

I. Der Beteiligte zu 2. wird verpflichtet, die Vollziehung der Entscheidung über die Zuweisung der Mitarbeiterinnen des Beteiligten zu 2. Frau B. W., Frau A. R. und Frau K. V. zum Projektteam 'Familien-BG' ab dem 14.03.2019 bis zur Beteiligung der Antragstellerin auszusetzen und die Beteiligung der Antragstellerin innerhalb von sieben Tagen nachzuholen.

II. Dem Beteiligten zu 2. wird für jede Zuwiderhandlung gegen seine aus dem Antrag zu 1. folgende Verpflichtung ein Ordnungsgeld bis zu 250.000,00 EUR angedroht.

Tatbestand:

I. Die Beteiligten streiten über Beteiligungsrechte.

Antragstellerin und Beteiligte zu 1) ist die Schwerbehindertenvertretung des Jobcenters Berlin Mitte, Beteiligter zu 2) ist das nämliche Jobcenter.

Bei diesem existiert eine Projektgruppe 'Familien-BG' (BG steht dabei für Bedarfsgemeinschaft), die sich im Rahmen eines gesamtheitlichen Ansatzes um betroffene Familien mit dem Ziel kümmert, mindestens ein Elternteil wieder in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Mit einer Mail vom 19. Dezember 2018, die an sämtliche Beschäftigten des Jobcenters gerichtet war, teilte der Beteiligte zu 2) mit, es sei beabsichtigt, diese Projektgruppe personell zu verstärken, wofür interessierte Integrationsfachkräfte gesucht würden. Wegen des näheren Inhalts dieser Interessenabfrage wird auf die Anlage 1 (Blatt 44/45 der Akte) Bezug genommen. Als Frist zur Bekundung eines etwaigen Interesses war dort der 11. Januar 2019 genannt. Mit Mail vom 1. Februar 2019 wandte sich die Antragstellerin an den Beteiligten zu 2) und stellte unter Hinweis auf § 178 Absatz 2 Satz 1 SGB IX (Sozialgesetzbuch IX) folgende Fragen:

'1. Wie viele Kolleginnen und Kollegen haben ihr Interesse an einer Tätigkeit im Projektteam der 'Familien-BG' bekundet?
2. Wie viele schwerbehinderte/gleichgestellte Kolleginnen und Kollegen waren unter den Interessenten?
3. Erfolgte eine Vorauswahl?
4. Wie viele schwerbehinderte/gleichgestellte Kolleginnen und Kollegen wurden zu einem Gespräch eingeladen?'

Mit einer Mail vom 8. Februar 2019 antwortete der Beteiligte zu 2) auf die Fragen zu 2. und 4. der Gestalt, es hätten sich insgesamt vier näher bezeichnete schwerbehinderte Interessenten gemeldet, von denen drei eingeladen worden seien. Von den Eingeladenen wiederum habe einer seine Interessenbekundung zurückgezogen. Mit einer Mail vom selben Tage hakte die Antragstellerin nach und wies auf die noch unbeantworteten Fragen hin. Ferner erkundigte sie sich, warum Herr P., einer der Interessierten, nicht zu einem der 'Kennenlerngespräche' eingeladen worden sei und welchem Zweck diese dienten. Am selben Tag führte der Beteiligte zu 2) mit den verbleibenden Interessenten 'Kennenlerngespräche' durch. Dabei wurden die schwerbehinderten und gleichgestellten Interessierten gefragt, ob sie die Anwesenheit der Antragstellerin bei dem Gespräch wünschten, was die schwerbehinderte Interessentin Frau V. bejahte. Als daraufhin die Antragstellerin zusammen mit Frau V. zum Gespräch erschien, teilte der Geschäftsführer des Beteiligten zu 2) ihr mit, es handele sich lediglich um ein 'Kennenlerngespräch', bei dem Unterstützung nicht erforderlich sei, woraufhin Frau V. auf die Teilnahme der Antragstellerin bei dem Gespräch verzichtete. In weiterer Korrespondenz zwischen den Beteiligten teilte der Beteiligte zu 2) der Antragstellerin mit einer Mail vom 21. Februar 2019 mit, es sollten ab dem 14. März 2019 die Mitarbeiterinnen W., R. und V. mit der Mitarbeit in der Projektgruppe betraut werden.

Die Antragstellerin ist der Ansicht, § 178 Absatz 2 Satz 1 SGB IX sei einschlägig. Allein wegen der Interessenbekundung durch vier schwerbehinderte Menschen seien deren Interessen jedenfalls berührt. Weder sei sie im Vorfeld der getroffenen Auswahlentscheidung vollständig unterrichtet noch angehört worden. Auch bei den vom Beteiligten zu 2) so bezeichneten 'Kennenlerngesprächen' handele es sich der Sache nach um Vorstellungsgespräche im Sinne von § 165 Satz 3 SGB IX, weshalb Herr P. ebenfalls hätte eingeladen werden müssen. Ihm fehle auch nicht die erforderliche Qualifikation, was die Antragstellerin näher ausführt.

Im Hinblick auf den mitgeteilten Stichtag 14. März 2019, zu dem die Entscheidung vollzogen werden solle, fehle es auch nicht an einen Verfügungsgrund.


Die Antragstellerin beantragt,

1. den Beteiligten zu 2) zu verpflichten, die Vollziehung der Entscheidung über die Zuweisung dessen Mitarbeiterinnen Frau B. W., Frau A. R. und Frau K. V. zum Projektteam 'Familien-BG' ab dem 14.03.2019 bis zu ihrer Beteiligung auszusetzen und ihre Beteiligung innerhalb von sieben Tagen nachzuholen;

2. dem Beteiligten zu 2) für jede Zuwiderhandlung gegen seine aus dem Antrag zu 1. folgende Verpflichtung ein Ordnungsgeld anzudrohen, dessen Höhe in das Ermessen des Gerichts gestellt wird.


Der Beteiligte zu 2) beantragt,

die Anträge zurückzuweisen.

Er ist der Ansicht, eine gemäß § 178 Absatz 2 Satz 1 SGB IX beteiligungspflichtige Angelegenheit liege nicht vor. Hinsichtlich der Interessenten stelle sich die Zuordnung zur Projektgruppe 'Familien-BG' als bloße Umsetzung dar. Weder seien freie Stellen im Sinne des § 165 Satz 3 SGB IX zu besetzen oder neue Arbeitsplätze geschaffen worden, noch gehe individualrechtlich etwa eine Veränderung der Eingruppierung mit der Zuordnung zur Projektgruppe einher. Ein Kennenlernen sei kein Vorstellungsgespräch. Eine bloße Interessenbekundung stelle sich nicht als förmliches Stellenbesetzungsverfahren dar. Bereits aus diesem Grund habe Herr P. nicht eingeladen werden müssen, da § 165 Satz 3 SGB IX nicht einschlägig sei. Ferner fehle ihm die erforderliche Eingruppierung in die Entgeltgruppe 9 beziehungsweise TG 4, was der Beteiligte zu 2) näher ausführt.

Schließlich tritt der Beteiligte zu 2) einer Eilbedürftigkeit unter Hinweis darauf entgegen, die fragliche Zuordnung zur Projektgruppe könne individualrechtlich jederzeit wieder rückgängig gemacht werden, sei sie doch nicht mit einer Zuweisung neuer Aufgaben verbunden.

Wegen des übrigen Vorbringens der Beteiligten wird auf die Antragsschrift nebst Anlagen Bezug genommen.

Fortsetzung/Langtext


Quelle:

Die Seite für die Schwerbehindertenvertretung


Referenznummer:

R/R8402


Weitere Informationen

Themen:
  • Anhörung / Beteiligungspflicht / Mitwirkungsrecht /
  • Beteiligung bei Versetzungs- / Umsetzungsverfahren /
  • Bewerbungsverfahren / Personalauswahl /
  • Neueinstellung / Stellenbesetzung /
  • Schwerbehindertenvertretung

Schlagworte:
  • Arbeitsgerichtsbarkeit /
  • Aussetzung /
  • Auswahlentscheidung /
  • Beteiligungspflicht /
  • Beteiligungsrecht /
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  • Unterricht /
  • Urteil


Informationsstand: 01.04.2020

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